Islamfeindlichkeit

Islamfeindlichkeit unter Jugendlichen

Forschungsdesign:
In unserer Untersuchung gehen wir in drei Schritten vor. Im ersten Schritt wurden 20 Jugendliche und junge Erwachsene aus verschiedenen Regionen in NRW zu ihrer Lebensgeschichte und zu ihren Positionen zu Gesellschaft, Religion und Migration im Allgemeinen sowie zum Islam und Muslim*innen im Besonderen befragt. Auf der Grundlage der Interviews untersuchen wir drei verschiedene Phänomene: Aus den Aussagen zum Islam und zu Muslim*innen leiten wir die allgemeinen Vorstellungen und Wahrnehmungen der jungen Menschen ab (Islamdiskurs) und identifizieren Überschneidungen mit bestehenden Diskursen (Narrative der Islamfeindlichkeit). Mit den Begriffen Topoi (siehe weiter unten) und Narrative beziehen wir uns dabei auf die Arbeiten zum antimuslimischen Rassismus (vlg. insb. Attia 2009; Shooman 2014). Zugleich beobachten wir, wie sich die Befragten über abwertende Unterscheidungen von Islam und Muslim*innen sowie über Solidarisierungen oder über die Reflexion von Rassismus ins Verhältnis setzen (Positionierung). Schließlich fragen wir, wie islamfeindliche Haltungen und Wissensbestände in den Erfahrungen und Lebenswelten junger Menschen verankert sind, über welche sozialen Netze und medialen Praktiken sie bei ihnen biografisch relevant werden (Muster der biographischen Verankerung).

In einem zweiten Schritt befragen wir in einem Jugendsurvey ca. 500 Jugendliche an allgemeinbildenden und beruflichen Schulen mit einem Fragebogen nach ihrer Haltung zu Islam und Muslim*innen. Wir unter- suchen damit, wie weit islamfeindliche Positionen verbreitet sind und in welchem Verhältnis sie zu sozialstrukturellen Bedingungen und lebensweltlichen Erfahrungszusammenhängen stehen. Außerdem interessiert uns hier vor allem das Zusammenspiel islamfeindlicher Haltungen mit anderen Ungleichheitsideologien.

Im dritten Schritt steht dann die Entwicklung von Ansatzpunkten für die schulische und außerschulische Bildungsarbeit zur Prävention und Bekämpfung von Islamfeindlichkeit im Mittelpunkt. Hierfür wollen wir Bedingungen und Anknüpfungspunkte sowie Wege der Positionierung junger Menschen kritisch beleuchten und Konzepte der Reflexion und Kritik aus dem auch unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen bestehenden rassismuskritischen Gegendiskurs ableiten.

Wir führen diese Studie ganz bewusst in Nordrhein­Westfalen durch, wo Mus­lim*innen, ihre Glaubenspraxis und ihre Symbole für die meisten jungen Menschen ein normaler Bestandteil gesellschaftlichen Lebens sind. Aus vielen Untersuchun­ gen ist bekannt, dass soziale Beziehungen zwischen Gruppen Abwehr und rassis­ tische Stereotypen reduzieren. Um Konzepte für die Bildungsarbeit an Schulen zu entwickeln, interessiert uns besonders, wie junge Menschen trotz ihres Wissens um die Normalität der Migrationsgesellschaft und ihrer vielfältigen persönlichenErfahrungen in diesem Kontext islamfeindliche Positionierungen entfalten.

Weitere Informationen zum Forschungsprojekt finden Sie unter www.islam-feindlichkeit.de.

Unsere Forschungsergebnisse aus der qualitativen Teilstudie finden Sie hier als PDF.

Unsere Forschungsergebnisse aus der quantitativen Teilstudie werden ab Oktober 2019 veröffentlicht.

 

 

 

Pressemitteilung der Stiftung Mercator

Essen, 08.05.2017

In welchem Umfang ist Islamfeindlichkeit unter Jugendlichen in Deutschland verbreitet? Welche Faktoren, wie zum Beispiel die soziale Herkunft spielen dabei eine Rolle? Wie macht sich Islamfeindlichkeit bemerkbar und vor allem wodurch entsteht sie? Unter Leitung von Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor und Prof. Dr. Nicolle Pfaff von der Universität Duisburg-Essen werden 16-18 Jährige aus NRW in Tiefeninterviews und anhand eines Fragebogens befragt. Die Studie der Universität Duisburg-Essen wird in Kooperation mit Prof. Dr. Andreas Zick von der Universität Bielefeld durchgeführt und startet heute.

Integration und der gesellschaftliche Zusammenhalt in unserer Einwanderungsgesellschaft sind zentrale Anliegen der Stiftung Mercator. Vor dem Hintergrund der derzeit stark polarisierenden gesellschaftlichen Stimmung, die sich insbesondere am Feindbild Islam zu spalten scheint, sind neue Ansatzpunkte notwendig, um das Integrationsklima und den Zusammenhalt im Land grundlegend und langfristig positiv zu wenden. Denn wir wissen noch zu wenig zum Phänomen „Islamfeindlichkeit“ und wie man ihr effektiv begegnen kann. Daher fördert die Stiftung Mercator die Studie mit rund 272.000, Euro. Die Ergebnisse der Studie werden der Politik und vor allem Schulen an die Hand gegeben, um Islamfeindlichkeit unter Jugendlichen frühzeitig zu bekämpfen. Dabei werden Maßnahmen sowohl für den Schulalltag als auch für die Lehrerbildung entwickelt.