Mi

06

Jul

2011

“Es sollte lieber auf die Realschule gehen. Das Gymnasium ist für das Kind zu schwer”


Erschienen in meiner Kolumne bei migazin.de

Diesen Satz mussten meine Eltern vor über 22 Jahren hören, als ich in der vierten Klasse war. Die Grundschullehrerin traute mir den ganz großen Schritt nicht zu. Bei ihrer Empfehlung ging es aber nur bedingt um meine Leistung, sondern vielmehr um ihren subjektiven Eindruck: „Wenn das Kind wirklich etwas will, arbeitet es hervorragend mit. Wenn es aber weniger Interesse zeigt, verliert es schnell Lust am Unterricht. Also schicken Sie es besser nicht aufs Gymnasium.“ (So erinnern sich jedenfalls meine Eltern.)

Die Begründung hätte im Prinzip zunächst einmal auf jeden Schüler zugetroffen, denn jeder arbeitet in Bereichen hervorragend mit, die ihm Spaß machen. Nach wie vor hören Eltern mit nicht-deutscher Herkunft häufig ähnliche Ausführungen, wenn der Wechsel ihres Kinds in die weiterführende Schule ansteht. Beinahe alle aus meinem Bekannten- und Freundeskreis mit Migrationshintergrund, die das Abitur gemacht haben, haben nach der Grundschulzeit keine Gymnasialempfehlung bekommen. Bezeichnend oder einfach nur Zufall?

Seit mehr als sieben Jahren bin ich nun selbst im Schuldienst tätig und befinde mich mitten im alltäglichen Kampf mit den Schülern um Noten und Benehmen.

Ich arbeite an einer Hauptschule im niederrheinischen Dinslaken und unterrichte ausschließlich „Islamkunde in deutscher Sprache als eigenständiges Fach“. Der Unterricht behandelt je nach Jahrgangsstufe unterschiedliche Facetten, natürlich den Koran, den Propheten Muhammad, die fünf Säulen, die Familie, die Schöpfung, die anderen Religionen, aber es geht auch um Terrorismus, um Sexualität, um Liebe, Ängste und Aggressionen.

Diese Aggressionen bekommen auch wir Lehrer gelegentlich ab. Gott sei Dank passiert es nur selten, dass (meist) ein junger Mann ziemlich gereizt reagiert, wenn er sein Nichtstun oder sein Stören entsprechend bescheinigt bekommt. Bei mir entlud sich der Zorn unter anderem in der Art, dass mich Schüler mit ihren Etuis attackierten, Radiergummis und geknülltes Papier nach mir warfen oder mit geballter Faust plötzlich vor meinem Gesicht rumfuchtelten – die allerdings von ihren Mitschülern gestoppt wurden. Nicht selten kam es auch zu Beschimpfungen meiner eigenen Familienmitglieder. Allerdings gehören solche Ausraster zur absoluten Ausnahme, auf die man gefasst sein sollte, wenn man mit Jugendlichen aus sozial schwachen Milieus arbeitet und Leistung von ihnen abverlangen muss.

Wenn die betroffenen Schüler sich aber erst einmal abreagiert haben, wird meist offensichtlich, was das eigentliche Problem ist – ihr eigenes Leid: zuhause kaum wahrgenommen, in der Freizeit kaum gefordert, in der Schule diskriminiert, im Alltag gewaltbereit und immer wieder mal im Konflikt mit dem Gesetz.

In der Schule diskriminiert? Moment mal! Ich denke, wir Lehrer sind immer die Opfer? Das sieht man doch immer wieder im Fernsehen.

Nun, neulich traf ich einen ehemaligen Schüler, den ich an meiner ersten, mittlerweile geschlossenen Schule unterrichtet hatte. Wir kamen ins Gespräch und plauderten über alte Zeiten. Irgendwann fielen Namen von diesem und jenem Lehrer. Und plötzlich meinte er, Frau X sei eine …. Ich hackte nach und er sagte, Frau X habe ihn als eine „Beleidigung für die Menschheit“ bezeichnet oder mehrfach als „dummen Türken“ und „kriminelle Penner“ beschimpft. Eine Mitschülerin habe sie „Türkenschlampe“ genannt. Das alles sei mitten in der Schule und vor Mitschülern passiert. Was er mir erzählte, schockte mich – allerdings nur bedingt. Denn ähnliche Schilderungen wurden mir früher schon aus anderen Schulen im Bundesgebiet zugetragen – aus Grundschulen ebenso wie aus weiterführenden Schulen. Dezidierte Studien zu diesem Phänomen sind mir zwar nicht bekannt, aber hin und wieder liest man auch in einzelnen Berichten davon. Seitdem bin ich für das Thema sensibilisiert. Offenbar klagen Schüler nicht selten darüber, aufgrund ihrer ethnischen Herkunft oder ihrer religiösen Zugehörigkeit ausgerechnet vom Lehrpersonal offen angefeindet zu werden. Die Attacken richten sich demnach wohl vor allem gegen männliche Schüler mit Migrationshintergrund. Wenn bereits solche Schimpfworte fallen, dann will ich von alltäglichen, subtilen Diskriminierungen etwa durch Verwendung von Begriffen wie „Ausländer“, „Migranten“, „Türken“, „Moslems“ gar nicht erst sprechen.

Natürlich kann man jetzt einwenden, dass diese Jugendlichen ihrerseits eben auch ein starkes dissoziales Verhalten an den Tag legen. Ihr Auftreten ist in der Tat manchmal nicht ohne und kann eine Lehrkraft durchaus überfordern. Trotzdem sind solche verbalen Ausfälle ein ernstes Problem, denn sie ziehen einen Rattenschwanz an Folgen nach sich. Aus der Überforderung der Lehrer wiederum resultiert nicht selten eben die Frustration über die eigene Hilflosigkeit und Unfähigkeit. In einigen Fällen können diese Emotionen in Hass oder Rassismus ausarten, sodass es sogar dazu kommen kann, dass Schüler wegen Terrorismusverdacht bei der Polizei angezeigt werden, wie dies kürzlich bei dem Schüler Yasin C. aus Garbsen passiert ist.

Die Folgen müssen natürlich nicht immer so drastisch sein. Aber es gehört nicht viel Fantasie dazu, sich vorzustellen, dass Lehrer, die zu solchen Ausfällen neigen, bei anderen Lehrerkollegen negativ über bestimmte Schüler reden und damit Stimmungen erzeugen können. Es gehört nicht viel Fantasie dazu, sich vorzustellen, dass die aktuellen Debatten solche Haltungen katalysieren können (siehe dazu auch die Arbeiten von Prof. Yasemin Karakasoglu). Und es gehört auch nicht viel Fantasie dazu, sich vorzustellen, dass dies unter Umständen Auswirkungen auf Noten und Schulempfehlungen haben könnte.

Und damit sind wir wieder am Anfang dieser Kolumne. Früher ging es vielleicht noch nicht so schlimm an unseren Schulen zu. Ich kann mich auch nicht daran erinnern, dass ich selbst oder einer meiner Mitschüler jemals einen Lehrer meiner Grundschule mit Gegenständen beworfen oder beschimpft hätte. Aber auch damals gab es ähnliche Diskurse über Ausländer- bzw. Gastarbeiterkinder und manchmal bedarf es nicht unbedingt eines Exzesses als Auslöser, um eine ungerecht oder auf Vorurteilen beruhende Behandlung in der Schule zu erfahren.

Wenn wir von der Institution Schule ernsthaft eine Integrationsleistung erwarten wollen, muss es zu allererst darum gehen, die jeweilige Überforderung (soziales Verhalten der Schüler vs. professionelles pädagogisches Verhalten des Lehrers) abzubauen. Dies könnte unter anderem dadurch geschehen, dass Klassen nicht mehr als 20 Schüler umfassen, dass in den Schulen mehr Sozialpädagogen sowie Psychologen anwesend sind und dass mehr Weiterbildungs- und Qualifizierungsmaßnahmen für Lehrer angeboten werden bzw. dass angehende Pädagogen in ihrem Studium generell intensiver und konsequenter auf die Realität vorbereitet werden. Sicher kostet das alles viel Geld. Aber wenn wir es nicht in unsere Kinder investieren wollen, worin denn dann? Wir vergessen nur allzu oft, wie prägend die Schulzeit für unsere Identität sein kann.

***ältere Kommentare***

 

    leisegang sagt:
    31. Januar 2011 um 07:56

    Als Angehöriger der Unterschicht möchte ich mir die Bemerkung erlauben, dass ich mich nicht so gern als “sozial schwach” bezeichnen lasse…
    leisegang sagt:
    1. Februar 2011 um 07:13

    on topic: http://www.uni-due.de/imperia/md/content/nestvogel/04bourdieu.pdf
    auguste sagt:
    2. Februar 2011 um 09:33

    Warum nehmen Sie den Schwarzen Peter auf sich? In einer Ellenbogen-Gesellschaft ist jeder “sozial schwach”, der keine Ellenbogen hat. Liegt das an der Gesellschaft oder liegt das an ihm?
    isguterjunge sagt:
    3. Februar 2011 um 15:20

    Hallo Frau Kaddor,

    ich hab heute das Interview mit Ihnen im Deutschlandfunk gehört und fand ihre Meinung zum Thema “Burkaverbot” ganz schlüssig. Auch diesen Artikel finde ich interessant. Bei einer Stelle wurde ich allerdings etwas stutzig:

    “(…) Diskriminierungen etwa durch Verwendung von Begriffen wie „Ausländer“, „Migranten“, „Türken“, „Moslems“ gar nicht erst sprechen.”

    Das klingt ein bisschen so als würde man sobald man sich einem dieser Begriffe bedient, die jeweilige Person diskriminieren. Wie aber sonst soll man jemand bezeichnen, der:

    * aus dem Ausland kommt?
    * in ein Land Eingewandert ist?
    * aus der Türkei kommt?
    * oder eben ein Muslim ist?
    auguste sagt:
    7. Februar 2011 um 22:13

    @isguterjunge
    Es kommt auf den Kontext an, in dem diese Begriffe fallen und hier ging es um Schule. Wenn jemand kein Deutsch kann, ist der Begriff “Ausländer” oder “Migrant” eine Angabe des Grundes dafür, wenn jemand ständig alle Artikel weglässt, ist der Begriff “Türke” sehr oft die Erklärung, wenn jemand kein Schweinefleisch isst, macht die Feststellung Sinn, dass er ein Moslem ist. - Aber wenn jemand in Mathe eine 5 hat oder häufig den Unterricht stört, sind diese Begriffe als Erklärungsversuche diskriminierend.
    leisegang sagt:
    9. Februar 2011 um 07:26

    guterjunge, wie wäre es denn mit dem individuellen Namen? Und was, wenn Özgül in Deutschland geboren und sozialisiert ist und sich altersgemäß eher über ihre Begeisterung für Ponies definiert als über eine Religionszugehörigkeit in die sie gerade erst hineinwächst? Wäre es nicht sachlich falsch und subtil diskriminierend, sie als Ausländerin, Migrantin, Türkin, Muslima zu bezeichnen?
    Mutlu sagt:
    10. Februar 2011 um 12:58

    Wenn ein Schüler in Deutschland dunkle Haare und dunkle Augen hat bekommt er gleich schon mal ein Note schlechter. Also wenn er mündlich 2 steht dann hätte er wahrscheinlich mit hellen Haaren ein 1 bekommen. Auch werden Schüler mit dunklen Haaren voreilig in Sonderschulen geschickt. Das ist in Deutschland so. Ein Muslim muss sich meist doppelt und dreifach anstrengen um die selbe Note wie ein Ungläubiger in der Schule zu bekommen.
    Mutlu sagt:
    10. Februar 2011 um 12:59

    Wenn ein Schüler in Deutschland dunkle Haare und dunkle Augen hat bekommt er gleich schon mal ein Note schlechter. Also wenn er mündlich 2 steht dann hätte er wahrscheinlich mit hellen Haaren eine 1 bekommen. Auch werden Schüler mit dunklen Haaren voreilig in Sonderschulen geschickt. Das ist in Deutschland so. Ein Muslim muss sich meist doppelt und dreifach anstrengen um die selbe Note wie ein Ungläubiger in der Schule zu bekommen.
    Boyra sagt:
    11. Februar 2011 um 17:31

    Was für ein blödsinn, ich habe auch schwarze Haare und eine dunkele Haut und bei mir war es nicht so.
    Auch bei vielen anderen die ich kenne war es nicht so wenn sie die entsprechende Leistung gemacht haben. Davon mal abgesehen frage ich mich schon warum jemand dann überhaupt in Deutschland leben will wenn die bösen bösen Ungläubigen so rassistisch sind. Es mag Fälle geben wo Lehrer egal ob aus Islamfeindlichen oder aus rassistischen Einstellungen herraus Schüler benachteiligen das ist durchaus möglich aber es trifft nicht auf alle zu. Umgekehrt gibt es auch Fälle wo deutsche Schüler benachteiligt werden und sei es, dass der Lehrer den Schüler aus irgentwelchen Gründen nicht leiden kann. Rassismus da wo es vorkommt ist natürlich verwerflich, aber man kann es nicht pauschal allen Lehrern vorwerfen. Es muss keine rassistische Motivation hinter stecken wenn ein Lehrer einem Migranten eine schlechte Note gibt.
    leisegang sagt:
    13. Februar 2011 um 15:12

    Geht es dir so, Mutlu? Ich frage mich auch, welche Typologie die Lehrkräfte offiziell und ganz privat in den Köpfen haben, und wie sich das mischt. Ich glaube das mit den Haaren und Augen ist erst der Anfang: wie du aussiehst, wie du schaust, redest, die Klamotten, das Verhalten, welchen Eindruck die Eltern in der Sprechstunde machen usw. Es ist ein Mosaik: du kannst genauso als semmelblonder “Russe” diskriminiert werden.
    Wenn man sich über die Ungerechtigkeit aufregt und dagegen rebelliert, ist man auf einmal dissozial: ob du den Normen nicht entsprichst, weil du nicht kannst oder begründet nicht willst, ist dann schon egal. Ganz schnell, und ganz offiziell. Und wenn Du erst eine pädagogische Diagnose hast, ist der Rest der Welt in Ordnung.
    Hatem sagt:
    15. Februar 2011 um 20:40

    @mutlu
    Sie haben völlig Recht! Wir brauchen so etwas wie eine Quote in der Schule. Also dass Muslime automatisch eine Note besser bekommen, damit die Ungerechtigkeit ausgeglichen wird. Nur durch die Diskriminierung von den Muslimen gibt es weniger Abiturienten und mehr Schulabbrecher!
    Und wir brauchen viel mehr muslimische Lehrer!
    leisegang sagt:
    21. Februar 2011 um 17:10

    Ihre xenophilen Lehrer drehen sich im Grab um, Hatem.
    Mutlu sagt:
    16. März 2011 um 09:58

    Lehrer werden sehr stark durch Medien manipuliert. In Medien werden gegen Muslime gehetzt und oft als dumme Menschen hingestellt. Das färbt auf Lehrer oft ab und macht sich in der Bewertung der Leistungen von Muslimen in der Schule bemerkbar.
    Festzuhalten ist Muslime mit dunklen Haaren und dunklen Augen werden schlechter bewertet als Menschen mit blonden Haaren.
    Ähnliches gilt für Bewerbungen, es reicht schon ein Name für eine Abweisung. Das haben Wissenschaftler bestätigt.

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Kommentare: 1

  • #1

    Noah (Dienstag, 27 September 2011)

    Hallo ich finde gut das sie so einen Umfangreichen Artikel geschrieben haben weil ich hab gerade eine sehr große Entscheidung vor mir: nämlich ich bin gerade auf dem Gymnasium und habe meiener Mutter gesagt das der Stoff der 7 Klasse einfach zu schwierig für mich sei und das ich einfach nicht mehr mitkomme und die Lehrer mir nichts erklären.Wenn ich sie frage meinten sie: "wir sind doch nicht mehr im Kindergarten hier wenn ich es einmal erkläre wird es wohl reichen etc.". Deswegen will ich hallt auf die Realschule wechseln weil meine Noten auf total in den Keller gehen deswegen wollte ich so schnell wie möglich runtergehen (am besten nach dem 1 Halbjahr schon ) Glaubt ihr das dass das richtige für mich in dieser Situation ist????

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